Ein Beitrag von Jonas Bühler.
Haben Sie als Kind auch Besteck von Ihrer Gotte oder Ihrem Götti geschenkt bekommen? Ein komplettes Set auf einmal oder jedes Jahr ein weiteres Stück zum Geburtstag?
Das sogenannte Gotti- oder Göttibesteck ist eine Tradition, die bereits im 19. Jahrhundert in bürgerlichen Familien verbreitet war. Gotte und Götti schenkten ihrem Patenkind zur Taufe und zu Geburtstagen Besteck, damit es irgendwann ein vollständiges Set für den eigenen Haushalt haben würde. Dabei wurden nicht einfach irgendwelche Löffel, Gabeln und Messer verschenkt, sondern edles Silberbesteck, häufig mit Monogrammen versehen.

Auch in der Ausstellung Oberhaushof haben wir diverse Gotti- und Göttibestecksets. Sie sind in ihren mit edlen Stoffen gefütterten Lederschachteln und mit ihrem Silberglanz nicht nur schön anzusehen, sondern helfen uns auch, das Beziehungsgeflecht der Menschen, die im Oberhaus gelebt haben, nachzuvollziehen.
Die bürgerliche Oberschicht im Zürcher Oberland und entlang des Ufers des Zürichsees war klein und überschaubar. Man kannte sich und war untereinander verbunden: über Geschäftsbeziehungen, Heiraten – und Patenschaften.
Ein Beispiel für diese engen Verbindungen ist eine Heirat übers Kreuz gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Im November 1882 heiratete Albert Bühler, der ursprünglich den Nachnamen Rebmann getragen hatte und von seiner Tante und seinem Onkel im Oberhaus als Stammhalter adoptiert worden war, Bertha Reichling, eine Tochter aus gutem Haus in Stäfa. Deren Bruder Rudolf heiratete ein paar Jahre später Emma Rebmann, die Halbschwester von Albert Bühler.

Anhand einer Lederschachtel mit Kaffeelöffeln wissen wir, dass Rudolf Reichling-Rebmann zudem der Götti von Albert und Bertha Bühler-Reichlings Sohn Albert war. Eine weitere Schachtel mit Kaffeelöffeln erhielt der kleine Albert von seiner Gotte Susanna Rebmann aus der Familie seines Vaters und seiner Tante.
Heute sind Gotte- und Göttibestecke etwas aus der Mode gekommen. Mit Silberbesteck isst man höchstens noch im Restaurant. Hat man noch welches zuhause, verwahrt man es im Schrank oder auf dem Estrich. Auch mit dem Silberbesteck im Oberhaus wurde schon lange nicht mehr gegessen. Dafür strahlt es heute auf dem Tisch im Windengang unseren Besucherinnen und Besuchern entgegen und erzählt Geschichten von einem engen Beziehungsgeflecht zwischen den wohlhabenden Familien der Region.

