Mit Mineralwasser und Nachttopf gegen Krankheiten und Keime

Ein Beitrag von Jonas Bühler.

Das Gesundheitswesen hat in den letzten Jahrhunderten Fortschritte erzielt wie kaum ein anderer Bereich des gesellschaftlichen Lebens. Noch vor hundert Jahren konnte ein kleiner Kratzer das Todesurteil bedeuten, wenn sich die Wunde entzündete. Heute können wir selbst Krankheiten behandeln, von denen wir damals nicht einmal wussten, dass es sie gibt. Grosse Fortschritte gab es auch bei der Hygiene und Gesundheitsprävention: So wurde beispielsweise die Cholera vielerorts durch die Einrichtung von Abwassersystemen zurückgedrängt.

Blick in den Einbauschrank in der Seifenkammer mit diversen Flaschen und Behältnissen
Der Einbauschrank in der Seifenkammer reicht fast bis zur Decke.

Wie viel schwieriger Gesundheitsversorgung und -prävention vor dem Aufkommen von Antibiotika, sauberem Trinkwasser aus dem Hahn und modernen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten waren, zeigt ein Blick in den Einbauschrank in der sogenannten Seifenkammer im zweiten Obergeschoss des Oberhauses.

Öffnet man die zwei hohen Flügeltüren dieses Schranks, kommen unzählige Flaschen und Behälter zum Vorschein. Viele davon sind aus Glas, andere aus Steingut oder Porzellan. Einige fassen mehrere Liter, andere nur einige Zentiliter.

Ein Teil der Behältnisse hat ein Etikett oder eine eingeprägte Beschriftung. «Brennessel-Haarwasser» liest man da, oder «Blut-Beleber». Schnell wird klar: All diese Behältnisse haben auf die eine oder andere Weise mit Gesundheit und Hygiene zu tun.

Auf den oberen zwei Tablaren sind steinerne Flaschen für Emserwasser sowie Bier-, Wein- und Mostflaschen aufgereiht. Bier, Wein und Most galten lange als gesundheitsfördernd. In der Regel waren diese Getränke weniger verunreinigt und verfügten über deutlich mehr Nährstoffe als Wasser. Sie enthielten zwar Alkohol, aber nicht so viel wie heute. Das Emserwasser wiederum wurde aus Heilquellen gewonnen und, da sehr salzreich, zum Abschwellen von Schleimhäuten genutzt.

bauchige Mostflaschen, mit Papierzapfen verschlossen, auf einem Regal
Die Mostflaschen sind mit Zeitungspapier verschlossen.

Unterhalb der Alkoholflaschen befinden sich die Medizinalflaschen. Hier ist die Vielfalt gross: Es gibt Flaschen aus braunem Glas und solche aus grünem oder weissem Glas. Einige enthielten Pillen, andere Flüssigkeiten für die äussere oder innere Anwendung. Ebenso vielfältig wie die Behältnisse sind die Leiden, die mit den darin enthaltenen Arzneimitteln gelindert werden sollten: Von der Erkältung über gereizte Nerven bis zum Haarausfall ist alles dabei. Auch einige Parfüm-Flacons sind hier zu finden.

Eine Etage weiter unten finden sich Reagenzgläser, Öllampen, Kerzen, ein Dampf-Inhalationsapparat und weiteres Zubehör. Und auf den untersten zwei Regalböden sammeln sich Wasserkrüge und Schüsseln. Diese wurden zu ganz unterschiedlichen Zwecken gebraucht: Die einen waren für Frischwasser, mit dem man sich waschen oder rasieren konnte. Andere fingen das gebrauchte Waschwasser auf, bevor man es hinter dem Haus ausgoss. Ganz unten stehen auch ein paar Nachttöpfe, die vor allem von den Frauen genutzt wurden. Die Männer verrichteten ihr Geschäft in der Regel im Stall.

Heute werden all diese Behältnisse nicht mehr gebraucht. Sie erzählen jedoch als stumme Zeugen von einer Zeit, in der frisches, sauberes, fliessendes Wasser nicht selbstverständlich war und man auf viele Leiden noch keine passende Behandlung gefunden hatte.

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