Der Apfelbaum mitten im Feld

Ein Beitrag von Jonas Bühler.

Der Herbst ist die Zeit der Obsternte. Früher war auf dem Oberhaushof zu dieser Zeit viel los, denn der Obstbau war neben dem Weinbau lange der wichtigste Erwerbszweig der Familie Bühler.

Ölpresse aus Holz mit Inschrift: 17 KB 80
Mit dieser Presse wurde Nussöl gewonnen.

Bereits zur Zeit der Alten Ordnung, als in der Zürcher Landschaft noch die Dreizelgenwirtschaft galt, hielt die Familie Bühler ausserhalb der dem Flurzwang unterstellten Flächen Obst- und Nussbäume. Frisch verzehrt wurde damals nur ein kleiner Teil der Ernte. Äpfel und Birnen wurden entweder gedörrt oder zu Most verarbeitet, Zwetschgen und anderes Steinobst wurden ebenfalls gedörrt oder zu Schnaps gebrannt. Aus den Baum- und Haselnüssen presste man Speise- und Lampenöl.

Produziert wurde für den Eigengebrauch, aber auch für den Verkauf. Most und Schnaps waren neben dem Wein lange die lukrativsten Erzeugnisse des Oberhaushofs. Auch das Dörrobst verkaufte man – unter anderem in den Kanton Schwyz auf der anderen Seite des Sees. Albert Bühler-Boller berichtet in seinem Buch «Stilles Ufer», wie das Obst im Herbst 1847 auf den Wiesen liegen blieb, weil in diesem Jahr niemand für die Schwyzer mosten und dörren wollte, die sich im Sonderbundskrieg auf die Seite des Feindes geschlagen hatten.

grosse, in den Raum eingebaute Holztruhen mit hochgeklappten Deckeln und Unterteilungen im Innern
Die «Stücklitröge» in der Oberwinde dienten zur Lagerung von Dörrobst.

Von der einstigen Bedeutung von Apfel, Birne und Nuss für den Oberhaushof zeugen unter anderem die sogenannten «Stücklitröge» in der Oberwinde, wo das Dörrobst eingelagert wurde, und eine alte Ölpresse in der Trotte. Als Albert Bühler-Reichling den Weinbau gegen Ende des 19. Jahrhunderts einstellte, ersetzte er die Reben vielerorts durch Obstbäume. Um 1920 standen auf dem Land des Hofs rund 280 Apfel- und Birnbäume, deren Früchte grösstenteils zu Most verarbeitet wurden.

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war es nicht unüblich, dass Obstbäume auf Flächen gepflanzt wurden, die auch anderweitig genutzt wurden. Rund um die Bäume baute man Getreide an, oder man liess das Vieh zwischen ihnen weiden. Auf dem Oberhaushof war das nicht anders. Davon zeugt unter anderem eine Luftaufnahme von 1946, auf der auf den Feldern des Hofs noch diverse Bäume zu sehen sind.

Mit der fortschreitenden Mechanisierung der Landwirtschaft im Verlauf des 20. Jahrhunderts standen die Bäume jedoch zunehmend im Weg – die Traktoren und Mähdrescher kamen nicht zwischen ihnen durch. Der Obstbau wurde rationalisiert: Statt der freistehenden Hochstammbäume pflanzte man Niederstammbäume in engen Reihen. Einen Beitrag zu dieser Entwicklung leistete auch die Eidgenössische Alkoholverwaltung, die in gezielten Rodungsaktionen Hochstamm-Obstbäume fällen liess, deren Früchte vor allem zur Schnapsproduktion verwendet worden waren. Die neuen Niederstammbäume lieferten hochwertiges Tafelobst statt billiges Schnapsobst.

Feldbach von oben in Schwarz und Weiss
Auf einem Luftbild von 1946 sind noch viele Bäume inmitten der Felder zu erkennen.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden auch die Obst- und Nussbäume auf dem Oberhaushof nach und nach gefällt. Albert Bühler-Wildberger legte in den 1960er-Jahren zwar noch einen neuen Obstgarten mit Niederstamm-Apfelbäumen an, verpachtete diesen aber kurz darauf an die Nachbarfamilie Hunziker, die sich auf Obstbau spezialisiert hatte.

Heute wird auf dem Oberhaushof kein Obst mehr angebaut. Auf frischen Apfelmost müssen wir trotzdem nicht verzichten – den beziehen wir bei Kaspar Hunziker, der auf eigenem und nun in dritter Generation vom Oberhaushof gepachtetem Land Äpfel, Birnen, Zwetschgen und vieles mehr anbaut.

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