Bildung als Privileg

Ein Beitrag von Jonas Bühler.

Heute ist es für uns selbstverständlich, dass Kinder während der obligatorischen Schulzeit vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe in die Schule gehen – und das kostenlos, sofern sie eine öffentliche Schule besuchen. Doch wie sah die Schuldbildung vor hundert Jahren aus? Und wie vor zweihundert Jahren?

aufgeschlagenes altes, handschriftliches Rechnungsbuch
Im Kassenbuch ist auch das Schulgeld der Kinder eingetragen.

Die kostenlose, vom Staat gestellte Volksschule ist eine relativ junge Institution. Bis ins 19. Jahrhundert wurde das Schulwesen vor allem von Pfarreien und Kirchgemeinden organisiert, für den Besuch des Unterrichts war ein Schulgeld zu entrichten. Aus dem Kassenbuch von Magdalena Bühler-Hürlimann, die den Oberhaushof am Übergang zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert nach dem Tod ihres Mannes führte, wissen wir, dass sie im Jahr 1783 zehn Gulden Schulgeld für die Bildung ihrer Kinder bezahlte – was damals etwa dem halben Jahreslohn eines Knechts entsprach.

Auf dem Land war die Schulbildung lange schlechter als in der Stadt. Zwar hatte die Stadt Zürich bereits 1637 alle Gemeinden in ihrem Herrschaftsgebiet beauftragt, Schulen einzurichten, aber das Bildungsangebot auf dem Land war deutlich kleiner. Unterrichtet wurde vor allem Lesen. Schreiben war sekundär, Rechnen lernten nur wenige. Weiterführende Schulen standen nur der Stadtbevölkerung zur Verfügung, die Landbevölkerung durfte diese nicht besuchen.

Um ihrem Sohn Johann Jakob, der später den Hof übernehmen sollte, eine höhere Schulbildung zu ermöglichen, musste Magdalena Bühler-Hürlimann diesen für zwei Jahre nach Strassburg schicken. Auch ihren Töchtern finanzierte sie eine Ausbildung, die über die Grundschule hinausging, was damals sehr ungewöhnlich war.

Als im Zuge der sogenannten Regeneration im Jahr 1830 die Liberalen in Zürich die Macht übernahmen, stellten sie die Landschaft der Stadt rechtlich gleich. Das wirkte sich auch auf das Schulwesen aus: Im ganzen Kanton wurden Schulhäuser für die neue Volksschule gebaut, ausserdem wurden die Kantonsschulen Zürich und Winterthur sowie die Universität Zürich gegründet. Während die Volksschule Mädchen und Knaben offenstand, waren die Kantonsschulen und die Universität den Knaben und jungen Männern vorbehalten. Für die Mädchen wurden sogenannte Töchterschulen eingerichtet, die ihnen eine Ausbildung auf Mittelschulstufe ermöglichten.

Schwarz-weiss-Fotografie von Bertha Bühler als Kind mit ihrem Hund
Weil sie ein Mädchen war, genoss Bertha Bühler weniger Schulbildung als ihr Bruder.

Die Geschwister Albert und Bertha Bühler, die 1885 bzw. 1890 geboren wurden, machten eine für diese Zeit typische Schulkarriere. Beide besuchten die Gesamtschule in Feldbach und danach die Sekundarschule in Hombrechtikon. Nach Ablauf der obligatorischen Schulzeit besuchte Albert die Industrieschule in Winterthur und liess sich später am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich – der heutigen ETH – zum Kulturingenieur ausbilden.

Seiner Schwester Bertha stand dieser Weg nicht offen. Sie wechselte nach der Sekundarschule ans Töchterinstitut Yalta in Zürich, nach einem Jahr weiter an ein Töchterinstitut bei Lausanne. Eine Berufsausbildung durfte sie nicht machen. Die Eltern erlaubten ihr zwar den Besuch verschiedener Kurse, darunter eines Samariterkurses, einsetzen durfte sie das erworbene Wissen jedoch nur im Privaten.

Eine Generation später hatten sich die Möglichkeiten auch für die Mädchen verbessert: Berthas Nichten Hanna und Hedwig durften in den Dreissigerjahren ebenso wie ihr Bruder Albert ein Gymnasium besuchen, und auch eine Berufsausbildung blieb ihnen nicht verwehrt. Hanna begann ein Studium in Romanistik, brach dieses aber zugunsten einer Ausbildung als Krankenpflegerin ab. Ihre jüngere Schwester Hedwig liess sich zur Lehrerin ausbilden.

Und heute? Heute geniessen die Kinder im kleinen Dorfschulhaus von Feldbach dieselbe Bildung wie die Kinder in Zürich, der Besuch der Volksschule ist kostenlos und Mädchen und Knaben haben dieselben Möglichkeiten – ganz selbstverständlich.

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